Tribut an Carl Benz e.V. Karlsruhe

Das Geburtshaus

Vorgeschichte einer sensationellen Entdeckung

Ende November 2010 schrieb ich an dieser Stelle „Traurig aber wahr niemand wird mehr den endgültigen Beweis zum Standort des Geburtshauses von Carl Benz liefern können“.

Wie sehr man sich täuschen kann, zeigen die Entwicklungen gerade einmal vier Monate danach.

Aber der Reihe nach:

Seit mehr als 10 Jahren unternahm der Verein „Tribut an Carl Benz“ Anläufe, dieses Geheimnis zu lüften.

Doch je mehr man sich mit diesem Thema beschäftigte, desto deutlicher wurde, dass offenbar weder zu Beginn des Siegeszuges des Automobils, noch zu Lebzeiten von Benz (welcher dies ebenso wenig wusste) die Klärung dieser Frage von kommunaler oder konzernphilosophischer Relevanz war. Und ein belastbarer Beweis ernsthafter Recherchen ist nicht bekannt.

Höchst verwunderlich.

Schmückt sich doch üblicherweise jede Vaterstadt einer mehr oder weniger wichtigen Person der Zeitgeschichte mit dieser historischen Begebenheit – was durch deren Geburtshaus oder zumindest Standort am besten symbolisiert wird.

Zum anderen sollte ein Konzern, dessen Weltruf untrennbar mit dem Namen Benz verbunden ist, gesteigertes Interesse an der Klärung dieses verbliebenen weißen Flecks, in einer ansonsten lückenlos dokumentierten Firmenhistorie, haben.

Und dies spätestens seit Fusion der Häuser Benz und Daimler im Jahre 1926.

Vor diesem Hintergrund erstaunte es mich dann doch zunehmend weniger, dass wechselweise Mannheim und Ladenburg ebenso als Geburtsstadt genannt werden. Am wirklichen Standort der Wiege des Automobilpioniers dies allerdings nicht einmal im kollektiven Gedächtnis gebürtiger Karlsruher verankert ist.

Insbesondere Bewohner westlicher Stadtteile, wozu auch die ehedem selbstständige Gemeinde Mühlburg gehört, vermuten jenen dort, wo im Jahr 1933 vom hiesigen Bürgerverein eine Gedenktafel angebracht wurde.

Dabei besagt deren Inhalt mit keiner Silbe, dass dem so wäre oder bei großzügiger Auslegung zu vermuten sei.

Gedenktafel Drais

Gedenktafel Drais

Daher mutet es auch weniger seltsam an, dass ausgerechnet dem zweiten Karlsruher Wegbereiter der Mobilität, Karl Friedrich Freiherr Drais, eine Tafel mit dem erklärenden Hinweis auf sein Wohnhaus am falschen Ort, Hebelstrasse 4, angebracht wurde. Richtig ist die Zähringerstrasse 63.

Aber an Stelle den längst nachgewiesenen Fehler zu korrigieren, wird dieser stillschweigend und offenkundig widerspruchslos hingenommen.

Doch zurück zum eigentlichen Thema:

Anlässlich der Vorplanungen zum Automobilsommer 2011 nahm ich erstmals Anfang August 2010 mit dem Leiter des Karlsruher Stadtmuseums, Herrn Dr. Pretsch, Kontakt auf, um ihn über das Ergebnis unserer bisherigen Aktivitäten zu informieren. Sowohl in Bezug einer verbesserungswürdigen Außendarstellung der Beziehung Benz zu seiner Geburtsstadt, wie auch den bis dato erfolglosen Bemühungen der Suche nach seinem Geburtshaus. Dass dieses, wenn nicht bereits dem Krieg, dann spätestens im Rahmen umfangreicher städtebaulicher Veränderungen der 50er und 60er Jahre zum Opfer gefallen war, davon musste ich seit längerem ausgehen. So konzentrierte sich die Suche zwangsläufig nach dessen Standort.

Bereits wenige Tage später konnte Herr Dr. Pretsch den ersten Erfolg vermelden. Erstmals und anders als bei sämtlichen Historiker zuvor, erfolgte dessen Einstieg in die Recherche über das Mühlburger Kirchenbuch. Mit dem Ziel, mögliche Taufzeugen des kleinen Carl ausfindig zu machen.

Und tatsächlich – erst genannt fanden sich die Namen des Michael Kramer, Gastwirt und Bierbrauer in Mühlburg und zweit genannt des Schuhmachermeisters Karl Axtmann aus der damaligen Nachbarstadt Karlsruhe.

Gasthaus

Gasthaus „Stadt Karlsruhe“

Zeitgleich konnte die Wirtschaft „zum Weinberg“, dem späteren Gasthaus „Stadt Karlsruhe“ zweifelsfrei Michael Kramer als Eigentümer zugeordnet werden. Einem zu jener Zeit, im Vergleich sonstiger Mühlburger Bürgerhäuser, recht großen und weitläufigen Anwesen.

Mehr als 160 Jahre nach der Geburt von Carl Benz gab es erstmals eine heiße und wissenschaftlich fundierte Spur !

Als relativ sicher gilt, dass Josephine Benz, geb. Vaillant, den überwiegenden Teil Ihres Berufslebens bis 1844 als Dienstmädchen verbracht hatte.

Dienstbotenverordnungen des 19. Jahrhunderts geben Zeugnis, dass der Dienstherr, im Gegenzug für erbrachte Arbeit, neben einem in der Regel geringen Lohn, eine Fürsorgepflicht zu tragen, sowie um Kost und Logis seiner Angestellten zu kümmern habe.

Diese Mischung aus gesetzlicher Verpflichtung und geringen Entgelt führte dazu, dass Dienstpersonal und Dienstherr, nebst dessen Familie, oftmals unter einem Dach wohnten.

Mit der hieraus zu ziehenden Schlussfolgerung, dass Josephine Benz, in Ermangelung von Alternativen und auf Grund begrenzter finanzieller Möglichkeiten, bei Michael Kramer wohl Unterschlupf gefunden hatte, wurde im November 2011 das Konzernarchiv des Hauses Daimler über den bis dorthin gewonnenen Ergebnisstand informiert.

Zu dieser Zeit bezifferten wir die Richtigkeit der These auf immerhin deutlich mehr als 50 %.

Von einem wirklichen Durchbruch zu reden, wäre jedoch entschieden zu früh gewesen. Bestenfalls handelte es sich um einen Achtungserfolg.

Daher erklärt sich auch meine Skepsis Eingangs dieser Abhandlung. Wie sehr diese berechtigt war, sollte sich dann auch in den folgenden Monaten zeigen.

Immerhin. Wir konnten mit einer konkreten Vermutung an die Öffentlichkeit gehen und diese mit aller gebotenen Vorsicht informieren.

Ende Februar gelang es Herrn Dr. Pretsch die Indizienkette weiter zu ergänzen. Dabei muss erwähnt werden, dass parallel zu diesen Recherchen andere Aufgaben auf deren Erledigung durch das Stadtmuseum warteten und sich die Forschungsarbeit keinesfalls ausschließlich auf dieses Thema konzentrierten.

Diesmal war es ein Eintrag im Karlsruher Dienstbotenverzeichnis, aus welchem im September 1844, also wenige Wochen vor der Geburt, die Entlassung von Josephine Vaillant aus den Diensten einer Kaufmannsfamilie dokumentiert ist.

Danach verliert sich Ihre Spur bis zur Heirat 1845.

Anzunehmen ist, dass die Tochter einer Hugenottenfamilie in der damals konfessionell katholisch geprägten Residenzstadt das ehelose Kind eines Katholiken nicht ohne persönliche Anfeindungen hätte zur Welt bringen  können. Die Beendigung des Dienstverhältnisses könnte also eine wahrscheinliche Folge gegebener Umstände gewesen sein.

Josephine Benz musste demnach aus der Stadt verschwinden. Was lag also im doppelten Sinne näher, als das benachbarte protestantisch dominierte Mühlburg als Zufluchtsort und übergangsweise neue Heimat zu wählen ?

Damit stellte sich allerdings ein neuer Sachverhalt dar. Mussten wir auf  Grund der bislang gewonnenen Indizienlage davon ausgehen, dass Josephine Benz ein Anstellungsverhältnis gefunden hatte, so bedurfte es nun einer Neubewertung dieser These.

Welcher wirtschaftlich denkende Arbeitgeber bot zu jener Zeit einer absehbar Hochschwangeren ein Dienstverhältnis an – zumal wenn er hierzu offenkundig nicht verpflichet war ? Von den erschwerenden Begleitumständen mal ganz abgesehen.

Ende März erlangte plötzlich der Name des zweiten Taufzeugen Axtmann wegweisende Bedeutung.

Meine Internetrecherchen ergaben unerwartet den Nachweis einer Verbindung der Familien Benz und Axtmann. In der Chronik einer Familie Dees, deren Wurzeln unter anderem in Pfaffenrot lagen und woher auch die Familie Benz entstammt, wird erwähnt, dass Karl Axtmann nicht nur Tauf-, sondern später auch Trauzeuge der Hochzeit der Eltern von Carl Benz war.

Die wirkliche Brisanz der Entdeckung war mir in diesem Moment nicht einmal bewusst.

War ich offenkundig doch zu sehr vom Augenscheinlichen, nämlich dem Beweis einer Beziehung wenigstens zu einem der Taufzeugen, euphorisiert. Dabei vergaß ich, ganz im Gegensatz meiner sonstigen Gewohnheit, hieraus weitere logische Schlussfolgerungen zu ziehen.

Nicht so Dr. Pretsch, welchem ich meine Entdeckung umgehend mitteilte.

Vier Tage danach erhielt ich sinngemäß die Nachricht: „Wir haben einen Volltreffer gelandet. Laut Generallandesarchiv werden als Trauzeuge nicht nur Karl Axtmann, sondern auch Michael Kramer genannt“.

Es bestand somit auch eine engere Beziehung der Familien Benz und Kramer, welche, wenn nicht auf eine zu diesem Zeitpunkt nicht nachgewiesene persönliche Vorgeschichte, zumindest als Ausdruck der Dankbarkeit für die Gewährung eines Quartiers für die Zeit der Geburt und den ersten Monaten danach zu werten ist.

Diese Einschätzung galt meiner Überzeugung nach selbst für den Fall einer entgeltlichen Unterbringung – dann vermutlich finanziert vom Kindsvater (Johann) Georg Friedrich Benz bzw. dessen Familie.

Offen blieb bis zu diesem Zeitpunkt jedoch die Frage der Querverbindung der beiden Tauf- und Trauzeugen zueinander.

Unwahrscheinlich, dass der Handwerker Axtmann den wirtschaftlich besser situierten Unternehmer Kramer aus regelmässigen Besuchen in dessen Gasthaus kannte.

Hierfür fehlten Zeit, Geld und die zwingende Notwendigkeit. Schließlich befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft der im damaligen Zentrum der Stadt Karlsruhe liegenden Spitalstraße 38, Wohnanschrift Axtmanns, eine Vielzahl von Lokalitäten.

Eher war für mich der umgekehrte Fall denkbar. Dass nämlich Kramer den Weg vom außerhalb gelegenen Mühlburg auf sich nahm, um sich mit Schuhen zu versorgen bzw. vorhandene aufzubereiten.

Ebenso vorstellbar ist ein Hinweis, welchen Axtmann in einer Karlsruher Wirtschaft erhielt, wie dass umgekehrt ein Familienmitglied oder Berufskollege in Mühlburg lebte und den Kontakt herstellte.

Von einer verwandtschaftlichen Beziehung Kramers zur Familie Benz ist jedenfalls nicht auszugehen.

Was wir jedoch seit Anfang Mai wissen – bei der Urgroßmutter von Carl Benz handelt es sich um eine gebürtige Axtmann. Und somit schließt sich zumindest der offene Punkt der genealogischen Verbindung der Familien Benz und Axtmann.

Daher ist die historische Aufarbeitung auch nicht gänzlich abgeschlossen.

Und wer weiß, welche Überraschung uns noch erwartet ?

Wie dem auch sei – ohne das Engagement und der hochprofessionellen Arbeitseinstellung von Herrn Dr. Pretsch und seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter, Herrn Meinrad Welker, wären wir unabsehbar auf dem Stand von 1844 geblieben.

Dass dem nicht so blieb, dafür gebührt mein aufrichtiger Dank !

Karlsruhe, im April 2011

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