Tribut an Carl Benz e.V. Karlsruhe

Gerhard Richters „Corvette“ (Originaltitel Ferrari/1964)

Vorwort zum Bild „Ferrari“ von Gerhard Richter

Im September 2009 besuchte ich das Modern Art Museum in Fort Worth, Texas.

Dort sah ich das mit „Ferrari“ betitelte Bild, welches mir (im Gegensatz zu „Alfa Romeo“ und „zwei Fiat“) nicht bekannt war.

Mein Versuch einer Erklärung durch Mitarbeiter des Museums führte lediglich zu dem Ergebnis, dass ich nicht der Erste wäre, welcher Zweifel an der richtigen Bezeichnung äußerte.

Mehr als ein Jahr verging, bevor ich den Hinweis auf das Richter Archiv in Dresden erhielt. Danach ging alles sehr schnell.

Ein Erklärungsversuch 46 Jahre danach (aktualisiert Januar 2012)

Zu den fotorealistischen Frühwerken des deutschen Malers Gerhard Richter, führender im Kunstkompass 2010 (Rangliste der 100 wichtigsten lebenden Künstler) gehört eine kleine Reihe von Autobildern, welche in den Jahren 1964 („Ferrari“ und „Zwei Fiat“), sowie 1965 („Alfa Romeo“) entstanden.

Während es sich wenigstens bei einem der „Zwei Fiat“ an Hand Dachform und Heckpartie tatsächlich um Fahrzeuge dieses Herstellers (Typenreihe 1300/1500) handeln könnte, besteht bei „Alfa Romeo“ (Giulia TZ 1) lediglich eine leichte Unsicherheit an der korrekten Typ – nicht jedoch an der Herstellerbezeichnung.

Am Eindeutigsten ist die Identifikation des abgebildeten Fahrzeuges bei „Ferrari“.

Richter-Ferrari (Originalbild)

Richter-Ferrari (Originalbild)

Nur, dass es sich hier zweifelsfrei nicht um einen solchen handelt. Tatsächlich bildete der Testbericht einer Corvette „Split Window“ aus Auto Motor und Sport (Ausgabe 15/1963) Basis der künstlerischen Bearbeitung.

Zwangsläufig stellt sich die Frage nach Hintergründen und Sinn der namentlichen Verfremdung. Zumal, wie bereits erwähnt, die nicht korrekte Herstellerbezeichnung in diesem Fall sehr einfach zu erkennen ist. Darüber hinaus handelt es sich nicht um „irgendein“ Automobil, sondern um eine Ur-Amerikanische Ikone. So typisch wie Coca Cola und der Rock´n Roll. Zudem Urvater einer ganzen Generation „Sting Ray“ genannter Ausführungen des auf der anderen Seite des großen Teichs unwidersprochen als „ the true american sports car“ geadelten Sportwagens.

Andererseits ist es einem Ferrari Besitzer oder Fan schwer zu vermitteln, warum ausgerechnet ein Fahrzeug, welches nicht einmal in Europa (geschweige Italien) produziert wurde, sich den Namen Ferrari anmaßt. Sakrilegisch, wie eine Pizza Margarita als Hot Dog zu bezeichnen.

Doch ein derartiger Gedankengang verbietet sich. Zum einen ist es (noch) nicht abschließend geklärt, inwieweit der Namensgebung eine bewusste Provokation oder das genaue Gegenteil einer Wunschvorstellung zu Grunde lag. Zum anderen vergisst man leicht, dass die Idee der Corvette zu dieser Zeit gerade einmal zehn Jahre alt und somit weit entfernt des heutigen Legendenstatus war. Zudem in Europa nahezu unbekannt.

Da war ein Ferrari längst Inbegriff des Sportwagens schlechthin und Synonym für unerfüllte Männerträume. Last but not least ist der abgebildeten Corvette eine entfernte Ähnlichkeit mit dem ebenfalls zu dieser Zeit produzierten Ferrari 250 GT „Berlinetta“ oder dem kurz zuvor eingestellten 250 GT „California“ nicht ganz abzusprechen.

Sicher wäre die Geschichte anders verlaufen, wenn kurz nach Entstehung bereits festgestanden hätte, dass dieses Werk von einem texanischen Museum erworben werden würde, bzw. von vornherein als Auftragsarbeit für einen US amerikanischen Erwerber geplant war.

Dann wäre durch entsprechende Publikation eine Aufklärung erfolgt. So ging dieses Werk erst im Jahr 1997 in den Besitz des „Modern Art Museum of Fort Worth“ über.

Der Titel des Bildes „Ferrari“ ist mittlerweile in das Werkverzeichnis eingegangen und wird auch nicht mehr geändert. Vielleicht ist es aber eine Beruhigung für all jene, welche entweder im Internet, einschlägiger Literatur oder wie ich „vor Ort“ ob dieser, nicht unbedingt logisch widersprüchlichen, jedoch sachlich offenkundig falschen und widersinnigen Benennung verzweifelt nach einer Erklärung suchten. Und diese selbst bei intensivsten „googlen“ bis dato nicht fanden.

Mehr noch – die überfällige Thematisierung dieses Ungereimtheit hat vielleicht die Beantwortung der offenen Fragen durch den einzigen Menschen zur Folge, welcher hierfür in Frage kommt – der Künstler Gerhard Richter selbst.

Karlsruhe, im November 2010

Aktualisierung vom Januar 2012

Gut zwei Jahre nach meinem Aufenthalt in Fort Worth bot sich die Gelegenheit eines Besuchs im Gerhard Richter Archiv, einer Institution der Staatlichen Kunstsammlung zu Dresden.

Da der Künstler in seiner Laufbahn Illustrierte oder Zeitschriften des Öfteren als Vorlage für eine künstlerische Bearbeitung nutzte (welche als Nachweis archiviert werden), gehört mittlerweile die Originalausgabe des Testberichtes der Corvette zum Fundus.

Dabei konnte ich auch die Originalvorlage der „zwei Fiat“, tatsächlich Bestandteil einer Schokoladenwerbung der Firma „Sarotti“ in Augenschein zu nehmen.

Da jedoch bereits die Originalvorlage dieser beiden Fahrzeuge ähnlich „verwischt“ wie das eigentliche Gemälde ist (man nennt ihn daher auch “Master of the Blur” für verschwommen/verwischen), ist die gewählte Namensgebung (auch in diesem Fall) definitiv abstrakter Natur. Eines der Fahrzeuge habe ich selbst nur mit viel Mühe als einen Ford 12 m identifiziert. Ohne dabei hundertprozentig sicher zu sein. Gerhard Richter hat daher garantiert keine Zeit mit der Suche nach dem korrekten Fahrzeughersteller verschwendet.

So erklärt sich auch die vermeintliche „Nachlässigkeit“ bei der Namensgebung des Gemäldes „Ferrari“. Denn einzig die Dynamik der Originalvorlage faszinierte den Künstler: Und da es sich um ein offenkundig schnelles Fahrzeug handelte, bot sich der Begriff „Ferrari“ hierfür als Synonym weit besser an, als der einer „Corvette“.

Trotzdem darf ich mit dem nun vorliegenden Ergebnis mehr als zufrieden sein.

Denn erstens war Richter der „falsche Titel“ bis dato bewusster Maßen nicht bekannt. Das ist erst jetzt klar geworden.

Zweitens hat er in Folge dieser Entdeckung erklärt, dieses in der Kunstszene unter dem einmal gewählten Namen überaus bekannte Gemälde namentlich weder zu ändern, noch um einen Zusatz „Corvette“ zu ergänzen (was sein gutes Recht ist).

Somit wurden meine Fragen von Ende 2010 vollumfänglich beantwortet.

Drittens konnte meine Entdeckung noch rechtzeitig zum Erscheinungsdatum des ersten Bandes seines „Catalogue Raisonné“ genannten Werkverzeichnisses um das erläuternde Reinbild aus „Auto Motor und Sport“ ergänzt werden.

Und last but not least wird das Ergebnis meiner Recherche beim Richter Vertrauten und Leiter des Gerhard Richter Archivs, Herrn Dr. Elger, mittlerweile auch exemplarisch für die spannende Tätigkeit bei der Erforschung zu Hintergründen und Entstehung der Arbeiten dieses Ausnahmekünstlers genannt.

Arnt-M. Bokemüller

Für die unbürokratische Unterstützung dieser Recherche bedanke ich mich bei

Frau Küster und Herrn Dr. Elger von der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Institut Archiv Gerhard Richter

Herrn Kai Konietzko von Klassiker Teile, Berlin für die Bereitstellung von Bildmaterial AMS

Unterstützt von

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